Hamburg (Behindertensport-News.de) – Der DRS traf die Rollstuhl-Basketball Nationalspielerin Maya Lindholm im BG Unfallkrankenhaus Hamburg Boberg (BUKH) – aber keine Angst, es geht Ihr gut, sogar sehr gut! Die 21-Jährige sprach mit dem DRS, über ihre aktuellen Pläne und natürlich auch über die Chancen bei den Paralympics 2012 in London dabei zu sein.
Hallo Maya,
Du bist gerade dabei hier im Unfallkrankenhaus ein dreimonatiges Praktikum im Bereich Ergotherapie abzuschließen – was ist eigentlich Ergotherapie?
In der Ergotherapie geht es darum Menschen die Selbständigkeit im Alltag zu ermöglichen, die sie vorher z.B. durch einen Unfall oder eine Krankheit verloren haben. Die Patienten kommen aus ganz unterschiedlichen Abteilungen zum Beispiel aus dem Querschnittgelähmtenzentrum oder aus der Neurologie.
Und was gehörte zu Deinem Aufgabenbereich?
Ich habe mit den Patienten Ess-Training gemacht, sie beim Anziehen unterstützt, mit ihnen das Umsetzen vom Rollstuhl ins Auto geübt usw.
Wolltest Du das schon immer machen?
Nach dem Abitur war ich in der Findungsphase und habe überlegt was ich machen könnte. Ich bin recht kreativ, bastele gerne und wollte schon immer mit Menschen arbeiten, auch im medizinischen Bereich – und die Ergotherapie vereint das alles.
Das BUKH mit dem Querschnittgelähmtenzentrum hat sich für mich angeboten, nicht nur weil ich in der Nähe wohne, sondern weil ich auch mit Rollstuhlfahrern arbeiten wollte.
Mir ging es im Praktikum vor allem auch darum herausfinden, ob ich mit meiner Behinderung den Job überhaupt machen könnte. Hier habe ich festgestellt, dass es auf jeden Fall geht!
Kannst Du Dir vorstellen später als Ergotherapeutin zu arbeiten?
Ja, ich fange am 02. Mai eine dreijährige Ausbildung zur Ergotherapeutin an.
Die meisten Menschen kennen Dich als Rollstuhl-Basketballerin des Damen Nationalteams. Wann hast Du mit dem Sport angefangen?
Ich spiele seit Ende 2005. Angefangen hat es als Hobby hier im BG Unfallkrankenhaus Hamburg Boberg bei Peter Richarz, er war mein erster Trainer. In der Nationalmannschaft bin ich seit 2009.
Du warst schon nach drei Jahren im Nationalteam?
Ich war relativ schnell drin, weil es damals nicht so viele Frauen gab – und wenn man einigermaßen talentiert ist, dauert es auch nicht so lange.
Darf ich fragen seit wann Du einen Rollstuhl benutzt?
Ja, ich benutze den Rolli seit November 2004 wegen einer Rückenmarksentzündung durch die ich von heute auf morgen nicht mehr laufen konnte. Es gab im Vorfeld keinerlei Symptome und die Ärzte konnten bis heute keine eindeutige Diagnose stellen, weil so etwas wohl sehr selten vorkommt.
Warst Du schon immer sportlich?
Nein, ich hatte früher gar keinen Sport gemacht. Als ich in der Rehabilitation in Geesthacht war wurde mir gesagt: „Maya, Du musst was machen. Fang mal mit Sport an!“ Ich hatte mich zunächst total dagegen gesträubt, bin dann aber nach Boberg in die Basketballgruppe und war total begeistert.
Ich musste sozusagen zu meinem Glück erst gezwungen werden.
Was sind Deine größten sportlichen Erfolge bis jetzt?
Das Größte war für mich das WM Finale 2011 in Birmingham und inzwischen war ich auch zweimal Europameisterin.
Dieses Jahr finden ja vom 29.08 – 09.09. die Paralympics in London statt – wie stehen Eure / Deine Chancen dabei zu sein?
Da Deutschland Europameister ist, sind wir mit dem Team bereits direkt qualifiziert und für mich stehen die Chancen auch relativ gut. Bei uns muss man ja ein bisschen nach Klassifizierung gehen. Es gibt mit mir drei Spielerinnen, die 2.5 Punkte haben und die zwei besten setzen sich am Ende durch.
Anmerkung der Redaktion:
Um einen Ausgleich zwischen Menschen mit unterschiedlich starker Behinderung zu erzielen, gibt es im Rollstuhlbasketball ein Punktesystem. Dieses richtet sich nach der Bewegungsfähigkeit. Die niedrigste Punktzahl und damit höchste Behinderungsstufe stellt die 1,0 dar. Spielerinnen und Spieler ohne Behinderung werden mit 4,5 bewertet.
Wie bereitet sich das Nationalteam auf die Paralympics vor?
Wir haben erst Sichtungslehrgänge: den nächsten in Frankfurt, an Ostern sind wir in Sheffield, wo wir ein Turnier spielen und danach fahren wir noch zum Paralympic World Cup nach Manchester. Anschließend sind wir zwei Wochen in den USA, zwei Wochen in Australien… Wir haben also viel, viel Training.
Wo kann man Euch spielen sehen?
Dieses Jahr spielen wir in Frankfurt beim 4-Nationen Turnier. Ansonsten gibt es vom Paralympic World Cup einen Live-Stream im Internet und 2013 findet die Europameisterschaft in Frankfurt statt.
Wo findet man Euch im Netz?
Auf teamgermany.net und sonst auch über die Seite des DRS.
Was wünschst Du Dir für Deinen Sport?
Ich wünsche mir mehr Aufmerksamkeit: Dass wir beim HSV mehr Zuschauer in die Halle locken können, weil es echt wenige sind.
Für den Sport allgemein wünsche ich mir mehr Anerkennung. Viele Menschen, die erstmal beim Spiel dabei waren, sagen: „Es war so toll und so geil!“ Nur irgendwie ist es noch nicht richtig angekommen bei den Massen. Manche kennen es auch aus dem Fernsehen, aber aktiv hingehen…
Doch generell ist es schon besser geworden und ich denke, dass durch die Paralympics in London noch Einiges passieren wird.
Außerdem ist mir noch wichtig, dass Behindertensport auch sportlich gesehen und nicht immer auf der Behindertenschiene gefahren wird. Es wird noch oft auf die Tränendrüse gedrückt: Behindertensport und die armen Menschen…
Welche Frage zu Rollstuhlbasketball wird Dir am meisten gestellt?
(Schmunzelt) Hängt der Korb genauso hoch wie bei den Fußgängern? Oder ist das Feld genauso groß?
Und wie lautet die Antwort?
Ja!
Gibt es persönliche Fragen, die Du nicht so gerne hörst?
Eigentlich finde ich es besser, wenn mich die Leute direkt fragen, bevor sie sich etwas denken was einfach nicht stimmt.
Wie siehst du Dich selbst am ehesten, in welcher Rolle?
Ich bin schon in erster Linie Rollstuhlfahrerin, weil dies in meinem Alltag einfach sehr präsent ist. Man beschäftigt sich jeden Tag damit, allein wenn der Fahrstuhl kaputt ist. Aber natürlich bin ich auch Sportlerin, Freundin, Tochter, und bald Auszubildende.
Maya, vielen Dank für das Interview! Wir wünschen Dir viel Erfolg im Sport und bei der anstehenden Ausbildung.
(Maria Surzukova / DRS)

