Die westdeutschen Meister rund um Lattek legten in der Saison 1973/74 keinen überzeugenden Start hin. Nachdem sie gegen den schwedischen Verein von Atvidaberg 3 – 1 in München gesiegt hatten, lagen sie im Rückspiel in Schweden schon 0 – 3 hinten, bevor Hoeness sie in der 75. Minute durch ein Tor erlöste und sie im Elfmeterschießen noch ein glückliches 4 – 3 errangen. Conny Torstensson schoss für die Schweden zwei Tore der drei Tore in der regulären Spielzeit. Die Bayern waren von Torstensson so beeindruckt, dass sie ihn hinterher zu sich ins Team holten. Bei einem weiteren spannenden Spiel gegen den ostdeutschen Gegner Dynamo Dresden kam es zu einem dramatischen Gleichstand: In der Halbzeit des Hinspiels in München hatte Dynamo mit 3 – 2 vorne gelegen. Durch Tore von Roth und Müller in der zweiten Hälfte errang Bayern im Hinspiel eine knappe Führung. Das große Drama allerdings kam erst im Rückspiel: Nach zwölf Minuten in Dresden schien das Turnier entschieden zu sein, als zwei Tore durch Uli Hoeness einen anständigen Vorsprung von 6 – 3 sicherten. Doch zwischen der 42. und der 56. Minute holte Dynamo mit drei Toren auf, und auf einmal sah es so aus als würden die Dresdner gewinnen. Doch nicht zum letzten Mal rettete Gerd Müller sein Team, als sein Tor das Viertelfinale mit einem Sieg von 7-6 sicherte.
In der ersten Runde hatte Dynamo das Team Juventus, den Finalisten der vorher gehenden Saison, heraus geworfen. Doch dies war nur einer von vielen Siegen einiger auf der osteuropäischen Seite agierenden Mannschaften. So überraschend wie CSKA Sofia Ajax raus warf, war auch der Sieg von Ujpest Dozsa aus Ungarn über Benefica sowie Liverpools Niederlage gegen Red Star Belgrad eine echte Sensation, es war als würde der eiserne Vorhang seine Muskeln anspannen. Zwei dieser Seiten trafen sich im Viertelfinale, nachdem Ujpest gegen Spartak Trnava zum letzten Mal unter den letzten acht für die zwei folgenden Jahre auftauchte. Nach zwei Spielen, die 1 – 1 ausgingen, konnte der Gewinner nur durch einen Elfmeter festgestellt werden, wobei Ungarn mit 4-3 gewann. Die anderen beiden verbleibenden Ostblockteams flogen gleichzeitig raus. CSKA Sofia war nicht in der Lage, seinen heroischen Sieg gegen Ajax im Spiel gegen Bayern zu wiederholen. Ein 4 – 1- Sieg für die Deutschen in München, erreicht durch zwei Tore von Torstensson und je eins von Beckenbauer und Müller, waren zu viel für den CSKA. Besonders als Breitner im Rückspiel sehr früh ein Tor erzielte, war die Begegnung beider Teams endgültig entschieden. Obwohl die Bulgaren das Spiel mit 2 – 1 gewannen, wurden sie aus dem Turnier befördert; genau so wie Roter Stern Belgrad, das zu Hause 2 – 0 gegen Atletico Madrid im Rückspiel, nach einem Torlosen Hinspiel in Spanien, verloren hatte.
Der vierte Einzug ins Halbfinale sollte an die Gewinner des Gleichstandes zwischen dem FC Basel und Celtic gehen. Ein phenomenales Hinspiel in der Schweiz endete mit dem Vorsprung Basels von 3-2 gegen Glasgow. Celtic attackierte von Anfang an, doch wurde nach nur fünf Minuten zurück geschlagen, als der Spieler George Connelly wegen eines gebrochenen Knöchels vom Feld getragen wurde. Nach nur zehn Minuten im Spiel waren schon zwei Tore der Schotten abgepfiffenen worden, eines wegen eines Fouls und das andere wegen eines Abseits. Als dann der Schotte Kenny Dalglish in der zwölften Minute den Ball von einer Ecke ins Tor brachte, war Erleichterung im Publikum von 71.000 Zuschauern im Celtic Park zu hören. Als nur drei Minuten später ein Schuss durch Deans das 2 – 0 besiegelte, stand Celtic nur noch einen Katzensprung von einem weiteren Halbfinale entfernt. Doch Basel war noch nicht besiegt. Nach 33 Minuten und einem spektakulären Kopfballtor von Mundschin waren sie zurück im Spiel. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit machte Balmer den Ausgleich, nachdem der Torhüter von Celtic den Ball von Rahman nicht halten konnte. Die zweite Hälfte begann besser für Celtic, welches sich eine Chance nach der anderen erspielte, doch Basel hielt immer dagegen. So hatte das Publikum weiterhin einen Grund, unter Strom zu stehen. Der Druck durch die Schotten zahlte sich aus, als Callaghan aus einer Ecke ein Tor machte. Doch da in der regulären Spielzeit keine weiteren Tore fielen, ging das Spiel in die Nachspielzeit. Das Tor zum Sieg kam nach 8 Minuten in der Nachspielzeit, als der Celtic Spieler Steve Murray einen Kopfball am Reservetorhüter Kunz vorbei zum 6 – 5 zauberte.
Im Halbfinale traf Celtic auf Atletico Madrid. Die spanischen Meister wurden von Juan Carlos Lorenzo trainiert, einem Veteran der Weltmeisterschaften in Argentinien 1966. Die Spanier wurden damals vom Boss der Engländer, Alf Ramsey, als ,animals‘ (zu deutsch ,Tiere‘) bezeichnet, weil sie und das Estudiantes Team in den 60er Jahren durch brutale Spiel – Taktiken bekannt geworden waren. Unter Lorenzos Verantwortung war Atletico in der Lage, bösartig und zynisch zu spielen und war nie selbstsicherer in einem Hinspiel gewesen als in jenem im Celtic Park. Die Celtics wurden von einem Gegner rausgeworfen, der dazu entschlossen war, jede Methode anzuwenden um den Heimspielern den Rhythmus zu zerstören. Der türkische Schiedsrichter Dogan Babacan warf die Spieler Ayala, Diaz und Quinque raus und verwarnte fünf weitere Spieler von Atletico, als er versuchte, Kontrolle über ein Spiel zu behalten, das einem Blutbad ähnlich sah. Nach dem Spiel kam es zu weiteren hässlichen Szenen, als die Polizei Spieler der Mannschaften voneinander trennen musste. Der Ausgang von 0 – 0 war eine gute Position für Atletico Madrid: Sie machten alles daraus und gewannen das Rückspiel 2 – 0 dank der späten Tore von Garate und Adelardo, die ihr erstes Europapokalfinale erreichten.
Währenddessen erreichte auch Bayern München sein erstes Finale. Nach einem 1 – 1 in Ungarn gegen Ujpest Dozsa erspielten die Deutschen einen bequemen Sieg von 3 – 0 im Olympiastadium. Das bedeutete, dass zum ersten Mal seit 1961 das Europacup- Finale zwischen zwei Mannschaften entschieden wurde, die noch nie zuvor so weit gekommen waren.
Bayern und Atletico trafen in Brüssel im Heysel Stadion aufeinander und spielten ein anstrengendes, nervöses Spiel von 90 Minuten. Atletico zeigte sich diesmal mehr von seiner attraktiven Seite und war durch überlegene Pässe und Geschwindigkeit die bessere Mannschaft in der ersten Hälfte. Bayern schaltete einen Gang höher, nachdem Müller und Hoeness Chancen zum Torschießen nicht genutzt hatten. Doch am Ende der normalen Spielzeit waren noch immer keine Tore gefallen. Als 30 Minuten zusätzliche Nachspielzeit vorbei waren, zeigte die Tafel noch immer 0 – 0 an. Dann, in den nur ca. 5 verbleibenden Minuten, manövrierte Luis Aragones einen Freischuss ins Tor an Maier vorbei, und es sah aus als hätte Atletico den Europapokal gewonnen. Doch während die letzten Sekunden des Spiels verstrichen, machte Georg Schwarzenbeck einen letzten, verzweifelten Versuch, das Spiel zu retten: Er galoppierte nach vorne aus der Defensive und donnerte einen Schuss aus 18 m Entfernung auf das Tor. Der Schuss sah haltbar aus für den Torwart von Atletico, und doch flog er ungesehen an ihm vorbei ins Netz. Dadurch war das Finale unentschieden ausgegangen. Zwei Tage später trafen sich die Teams im gleichen Stadion, obwohl die Reihen im Publikum nur halbvoll waren. Die Spanier waren ohne ihren kampflustigen Mittelspieler Irureta gekommen, und es sah aus als hätte sie das Spiel stärker ausgelaugt als die Gegenmannschaft. Mit Beckenbauer, der das Spiel kontrollierte, war die Energie und das schnellere Tempo der Deutschen zu viel für Atletico. Dieses Mal war Bayern dominant. Hoeness begann und beendete das Toreschießen in der 28. und der 82. Minute. Gerd Müller machte ein Tor in der 56. Minute mit einem Volleyschuss und ein weiteres in der 69. Minute. Mit dem Abpfiff gewann Bayern das einzige Europa- Pokal Final- Rückspiel und Bayern war zum ersten Mal Sieger des Pokals mit einem 4 – 0 geworden.
Im folgenden Sommer war sich Westdeutschland sicher, die beste Fußballnation seiner Zeit zu sein, dominiert durch die Bayern- Spieler, die 1974 den Weltmeistertitel gewonnen hatten. Maier, Schwarzenbeck, Breitner, Hoeness, Müller und im besonderen Beckenbauer waren nun als einige der besten Spieler weltweit bekannt und sie spielten für ein Team, das ein Jahrzehnt zuvor noch nicht einmal in der ersten Liga gespielt hatte. Bayern München hatte sich in einer unbeschreiblich kurzen Zeit von einer unbedeutenden deutschen Mannschaft zu Europameistern entwickelt. Viele der großen Namen auf dem Kontinent waren neidisch, obwohl ihr Team mit Weltklassespielern dominierte. Bayern sah in eine Zukunft, in der es Europa für einige Zeit regieren würde.